Breathwork: Nur ein weiterer Trend? Frag jede Mutter, die ein Kind zur Welt bringt.

Von einer Mutter – und der Gründerin von ÆR.

Autor: Sherna Hans

Breathwork scheint heute überall aufzutauchen. Atmen wird reguliert, verlängert, optimiert und auf Social Media als die neueste Wellness-Innovation präsentiert. Ein Trend wie so viele.

Doch wenn jemand Breathwork als Modeerscheinung abtut, spüre ich immer wieder den Impuls, das richtigzustellen.

Denn als Mutter von drei Kindern weiß ich:

Breathwork ist nicht neu.
Breathwork ist nicht dekorativ.
Breathwork ist die Lebenslinie zwischen einer Mutter und ihrem Baby.

Das ist keine Metapher, sondern Physiologie. Und es ist etwas, das ich in einem der beängstigendsten Momente meines Lebens selbst erlebt habe.

Der Moment, in dem mir die Bedeutung des Atems bewusst wurde

Während einer Geburt sagt dir jeder:

„Atme.“
„Bleib ruhig.“
„Atme weiter.“

Diese Sätze begleiten jede Wehe, jeden Schmerz, jede Unsicherheit. Aber ich verstand ihre Bedeutung erst wirklich bei der Geburt meines dritten Kindes.

Die Wehen waren so intensiv, dass ich unbewusst die Luft anhielt. Ich war überfordert, erschrocken, überrollt von der Intensität. Und plötzlich veränderte sich die Stimmung im Raum.

Die Monitore schlugen Alarm.

Ärzte kamen herein.

Die Blicke wurden ernst.

Die Sauerstoffwerte meines Babys sanken.

Wenn Atmen über Sicherheit oder Gefahr entscheidet

Weil ich nicht richtig atmete, sank auch ihr Sauerstoff.

Weil mein Körper in Angst erstarrte, geriet sie in ernsthafte Gefahr.

Das medizinische Team musste ihren Sauerstoffwert noch im Mutterleib überprüfen. Dafür führten sie drei Bluttests an ihrem kleinen Kopf durch – etwas, das keine Mutter jemals erleben möchte.

Ich lag dort, verängstigt, verwirrt, schockiert.

Und dann traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht:

Mein Atem war ihr Atem.

Mein Sauerstoff war ihr Sauerstoff.

Mein Atemanhalten kappte die Lebenslinie, die uns verband.

Ich zwang mich, tief und bewusst zu atmen. Mit jedem Atemzug beruhigte sich mein Körper. Ihre Werte stabilisierten sich. Der Raum entspannte sich.

Das war kein Breathwork im modernen Sinne.

Es war schlichte, grundlegende Biologie.

Es war Überleben – für mich und für sie.

Was die Wissenschaft dazu sagt

Auch wenn viele klassische Studien nicht frei zugänglich sind, ist die wissenschaftliche Grundlage eindeutig. Mehrere aktuelle und seriöse Quellen bestätigen die physiologischen Zusammenhänge zwischen Atmung, Sauerstoffversorgung und nervlicher Regulation.

1. Die Atmung der Mutter beeinflusst die Sauerstoffversorgung des Fötus

Die fetale Sauerstoffversorgung hängt direkt von der Atmung und dem Blutfluss der Mutter ab. Quelle: Springer – Oxygen Supply to the Fetus

2. Langsame Atmung verbessert Herzfrequenzvariabilität und parasympathische Aktivität

Dies ist der zentrale Mechanismus, durch den der Körper Stress abbaut und sich stabilisiert. Quelle: Systematische Übersicht (2022)

3. Tiefe und langsame Atmung beeinflusst Schmerzempfinden und das autonome Nervensystem

Studien zeigen, dass kontrolliertes Atmen die Schmerzverarbeitung messbar beeinflusst.

4. Langsames Atmen erhöht vagale Aktivität und emotionale Resilienz

Herzfrequenzvariabilität ist ein zentraler Indikator für emotionale Regulation.

Herzjournal-Studie:
https://heart.bmj.com/content/99/Suppl_3/A99.1

Neuere Übersicht (2025):
https://link.springer.com/article/10.1007/s13760-025-02789-w

Mütter haben Breathwork schon immer gekannt

Lange bevor Breathwork als Begriff existierte, wussten Frauen intuitiv, dass Atmen durch Schmerz, Angst und Intensität trägt.

Ob in yogischen Geburtsritualen, in buddhistischen Atemtechniken, in indigenen Geburtspraktiken weltweit oder in antiken philosophischen Texten: Der Atem war immer das Werkzeug, das Körper und Geist stabilisiert.

Geburt macht diese Wahrheit auf die roheste Art sichtbar.

Wie mich diese Erfahrung geprägt hat – als Mutter und Gründerin von ÆR

Der Moment im Kreißsaal hat mein Verständnis von Atmung für immer verändert.

Atmen ist nicht trendy.
Atmen ist nicht esoterisch.
Atmen ist die grundlegendste Regulation des menschlichen Körpers.

Als ich ÆR gründete, brachte ich dieses Wissen mit. Die Erfahrung, wie transformierend ein Atemzug sein kann. Wie nah wir an Überforderung oder Klarheit sein können – je nachdem, wie wir atmen.

Wenn heute jemand sagt, Breathwork sei nur ein Trend, denke ich an die fallenden Sauerstoffwerte meines Babys, die Bluttests, die Angst – und den einen Atemzug, der alles veränderte.

Und ich weiß:

Breathwork ist kein Trend.
Breathwork ist Leben.

Die Wahrheit ist einfach

Trends verschwinden.

Der Atem bleibt.

Während der Geburt.

In Stressmomenten.

In Situationen der Angst.

In Momenten der Überforderung.

Der Atem ist der Weg zurück zu uns selbst.